Auf der Suche nach einem linken Narrativ

Der linke Politiker Zohran Mamdani hat die Vorwahl der Democrats zur Bürgermeisterwahl in New York gewonnen. Die Linke in Deutschland liegt bundesweit bei circa 10 Prozent; in Berlin darf sie ebenfalls davon ausgehen, nächstes Jahr die Bürgermeisterin zu stellen. Jeremy Corbyn und Zarah Sultana wollen derweil eine britische Linkspartei gründen.

Die sozialistische Bewegung erwacht wieder zum Leben. Das ist in erster Linie den Jungen zu verdanken: Bei der Bundestagswahl erreichte Die Linke Spitzenwerte in dieser Gruppe, Corbyns und Sultanas Partei dürfte mit 32 Prozentpunkten bei den Unter-25-Jährigen rechnen und auch Mamdani, selbst erst Anfang 30, bestätigte dieses Muster mit seinen Wahlergebnissen.

Ich fühle mich in meiner Hoffnung an die erste Hälfte der 2010er zurückerinnert – an eine Zeit vor dem Brexit, vor Trump und vor dem Erstarken der AfD. Als SYRIZA und PODEMOS in der Wählerinnengunst zu den stärksten Parteien in Griechenland und Spanien aufstiegen und Bernie Sanders noch US-Präsident hätte werden können. Zehn Jahre später steht der Faschismus auf der Türschwelle (in den USA bereits mitten im Flur) und die Schere zwischen Arm und Reich ist weiter gewachsen. Die Linke drohte vor wenigen Monaten noch, an der Fünfprozenthürde zu scheitern, doch seither konnte sie ihre Mitgliederzahl mehr als verdoppeln. Vor allem Junge und Frauen sind beigetreten. Liegt das Schlimmste hinter uns?

Wer Mamdani und der Linkspartei in Deutschland zuhört, wird feststellen, dass sie ganz ähnlich klingen: Sie sprechen soziale Sorgen an – die Mieten sind zu hoch, die Löhne zu niedrig – und stellen materielle Lösungsvorschläge ins Zentrum ihrer Kampagnen, während sie sich gleichzeitig solidarisch mit diskriminierten Minderheiten zeigen. (Ganz im Gegenteil zu Wagenknecht, die weder das eine noch das andere tut, obwohl sie Ersteres vorgibt.)

Das neue Narrativ ist simpel: Auf der einen Seite die Arbeiterklasse, zu denen alle gezählt werden dürfen, die nicht Nutznießerinnen des Kapitalismus sind, von klassischen Arbeiterinnen über Studentinnen, Arbeitslose und Sozialhilfeempfängerinnen bis hin zu Kleinselbständigen. Auf der anderen Seite die Überreichen, die Bourgeoises, die Ausbeuterinnen und Großgrundbesitzerinnen, die in ihren Rollen die Politik beeinflussen und die Probleme der gemeinen Bevölkerung immer weiter verschärfen. Der Gegensatz könnte kaum deutlicher sein. Der Begriff des Klassenkampfs kommt wieder in Mode. Trump, Musk und die AfD sind nichts als Kampfhunde von Kapital und Patriarchat, die sich gegen gesellschaftlichen Fortschritt stemmen und denen an Freiheit oder Demokratie nichts gelegen ist. Die allermeisten Menschen stecken fest in einem System, das sich kein bisschen für ihr Lebensglück interessiert, sondern für ihre Arbeitskraft. Schule, Arbeit, Grab. Dabei ginge es anders. Wenn wir nur zusammenfinden und das schöne Leben in den Mittelpunkt stellen – anstatt Profit und blindes Wachstum um des Wachstums willen.

Ich stimme diesem Narrativ zu und heiße insbesondere seine Mischung aus Radikalität, Verständnis und Hoffnung gut. Zohran Mamdani oder Heidi Reichinnek treten außerdem authentischer auf als versteifte Konservative und Liberale. Sie wirken nahbarer, emotionaler, aufrichtiger – insgesamt menschlicher.

Neben diesen positiven Tendenzen birgt das skizzierte Narrativ allerdings die Gefahr, in einen durchaus problematischen Populismus zu entgleisen. Das ist viel zu schnell geschehen; das nötige Feingefühl nicht zu verlieren ist eine Herausforderung für alle zeitgenössischen Sozialistinnen – auch für mich. Gerade in derart aufgeheizten Zeiten, in denen es um alles oder nichts zu gehen scheint.

Über Populismus habe ich mich schon zuvor echauffiert. Ich verstehe darunter jedwede Ideologie, die eine gewisse Gruppe von Menschen verteufelt und ihre Existenz in der Gesellschaft mit gewaltvoller Sprache zu delegitimieren versucht – als Strategie im politischen Wettbewerb und ohne den eindeutigen Anspruch, ein entsprechendes System der Unterdrückung oder gar Vernichtung zu errichten (das nämlich würde ich faschistisch nennen). Weil so ein Populismus der Demokratie im allerweitesten Sinne, also einer Ordnung der „Meta-Meinungsfreiheit“, entgegensteht, sehe ich ihn dennoch als potenzielles Helferlein freiheits- und menschenfeindlicher Bestrebungen.

Besonders im amerikanischen Diskurs setzt sich übrigens teilweise ein ganz anderer Populismus-Begriff durch: Linke verstehen dort unter populism eine Politik für die untere Klasse wie oben dargelegt, woran ich zunächst nichts auszusetzen habe. Rechtspopulistinnen und Faschistinnen wie Trump werden von ihnen folgerichtig fake populists genannt. Solche Versuche, den Begriff des Linkspopulismus positiv zu besetzen, gibt es immer wieder.

Gleich wie wir es betiteln wollen: Mir ist wichtig, dass die augenscheinlich erfolgreiche Klassenkampfrhetorik der modernen Linken hinreichend vermittelt, dass wir es mit einem kaputten System zu tun haben – und weniger mit Bösewichten. Die „Reichen und Mächtigen“ sind Ausdruck der Kernproblematik. Zwar stellen sie sich im Regelfall als zu bekämpfende politische Gegnerinnen dar, wie es in der Politik üblich ist (das macht noch keinen Populismus aus), aber sie sind gewiss keine Teufel, die nur Rache und Vernichtung verdient hätten. An dieser Stelle will ich darauf hinweisen, dass es ein Unterschied ist, ob Menschen auf eine für sie gefährliche, mächtige Person stark emotional reagieren – ängstlich oder aggressiv –, oder ob ein strategisches Narrativ irgendwelche Eliten zum Übel dieser Welt und in der Konsequenz minderwertigen Kreaturen erklärt. Ich denke an den linken Komiker Bill Burr, der Milliardäre als tollwütige Hunde bezeichnete, die getötet werden sollten. Oder Luigi Mangione, der den CEO Brian Thompson ermordete und dafür gefeiert wird.

Natürlich eignen sich Akteure wie Musk, Trump oder Cuomo (der Gegenkandidat Mamdanis und ganz nebenbei ein Anwalt Netanjahus) hervorragend, um dem Schweinesystem ein Gesicht zu geben. Ebenso Friedrich Merz: immerhin nicht nur Rechtspopulist, sondern zudem Millionär und Ex-BlackRock-Aufsichtsratsvorsitzender. Doch dabei dürfen wir niemals aus den Augen verlieren, dass diese Individuen mit ihren Überzeugungen und ihrem Verhalten nur Ausgeburten des Systems sind.

Wollen wir nicht die gesamte Menschheit von ihren Ketten befreien? Ich bin gegen Strafe, wenn auch nicht prinzipiell gegen Notwehr. Gewalt muss immer die ultima ratio bleiben. Luigis Mordtat hat nichts gebracht, außer ein Leben auszulöschen und bestimmt einige Angehörige unendlich traurig zu machen. Gewaltvolle Sprache ist der erste Schritt zu gewaltvollen Taten. Am Ende nährt dergleichen vor allem den Faschismus und lenkt von der richtigen Analyse ab. Die Abermillionen Tode, die der Kapitalismus und seine Funktionärinnen direkt oder indirekt zu verantworten haben, legitimieren es nicht.

Die politische Linke muss in diesem Zusammenhang dringend die Bedeutung der Psyche erfassen. Den Trend zu Verständnis und Nahbarkeit sehe ich daher positiv. Diese Entwicklung muss jedoch viel weiter gehen; die Menschen müssen ehrlich begreifen, dass eine empathielose Weltsicht die Verderbnis nur fortsetzen kann. Obwohl der Kampf gegen den Kapitalismus auch ein Kampf gegen jene ist, die ihn zu erhalten versuchen, darf dieser Kampf keinesfalls das Gleichheitsprinzip begraben.

Es ist, wie gesagt, eine Gradwanderung zwischen völlig angemessener und wirksamer Zuspitzung angesichts unzumutbarer Verhältnisse – und dem Beginn einer gefährlichen Brutalität, die mit populistischer Sprache beginnt. Ich will nicht zu kritisch sein. Die politische Linke ist zurzeit auf dem richtigen Weg. Trotzdem liegt mir diese Warnung am Herzen. Die Linke darf nicht vergessen: Wer radikale Kritik übt, braucht umso mehr radikales Mitgefühl. Das schließt die schlimmsten Verbrecherinnen mit ein. Wer die Menschheit befreien will, darf niemanden entmenschlichen. Empörung ist okay, Verteufelung weniger, Lügen sind es unter keinen Umständen. Und Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.

So oder so fürchte ich, dies könnte die letzte Chance sein, den Faschismus aufzuhalten. Das macht es nicht einfacher, auf dem richtigen Pfad zu bleiben.


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