Barbenheimer

Barbie beginnt mit einer unverkennbaren Anspielung auf Odyssee im Weltraum. Anstelle des Monoliths erscheint die Puppe, übergroß wie ihre kulturelle Bedeutung. Eine selbstironische und doch realistische Stellungnahme. Barbie ist Symbol und Vehikel der Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft. Macht und Ohnmacht.

Oppenheimer beginnt mit einem Feuersturm und ohrenbetäubenden Quantenteilchen, die über die Leinwand zittern. In Wirklichkeit können wir sie gar nicht sehen, Photonen sind ja selbst nur Quanten. Wir bewegen uns hier am Rande der Realität. Auch dieser Film verspricht eine Geschichte von Macht und Ohnmacht.

Als würden wir zusehen, wie Barbie von einem Kind gespielt wird, bewegt sie sich in Gestalt von Margot Robbie durch ihr pinkes Plastik-Zuhause. Dort herrscht das Matriarchat: Die weiblichen Puppen kontrollieren alles, die männlichen schmachten ihnen vergeblich nach. Weiblich und männlich – was soll das eigentlich sein in einer Welt, deren Bewohnerinnen keine Genitalien haben? Körperformen und Kleidungsschnitt bestimmen hier, wer eine Barbie ist und wer ein Ken. Ihr Verhalten ist nicht so verschieden, sie sind auf Äußerlichkeiten bedacht, auf gruselige Freundlichkeit, Partymachen und Mode. Entsprechend dümmlich wirkt die Dominanz der Frau in Barbieland, emanzipatorisch ist daran bisher nichts. Dass die untertänigen Kens wie ein homosexuelles Klischee wirken und nicht zuletzt deshalb zum Witz-Objekt der Komödie werden, hilft auch nicht.

Urplötzlich befinden wir uns mitten in Oppenheimers Leben. Nolan erzählt die Geschichte nicht einmal chronologisch. Wir werden in die großen Fragen hineingeworfen, in die Physik, in die Politik, in Oppenheimers persönliches Leben. Ein Mann, gebeutelt von seinen Grenzerfahrungen als Physiker und von seiner damit einhergehenden moralischen Verantwortung in dieser Welt. Das Durcheinander ist ein Stilmittel, welches nur versteht, wer sich schon einmal in existenziellen Fragen verloren hat. Für unvorbereitete oder unbelesene Zuschauerinnen ist dieser Film nichts. Er nutzt seine dreistündige Laufdauer, um alles Erdenkliche zu erzählen, aber niemals, um etwas zu erklären. Oppenheimer funktioniert nur als beeindruckende Aufbereitung einer schon bekannten Geschichte. Allein, wer mit ihrer Gewaltigkeit vertraut ist, kann den Film in all seiner Intensität erleben.

Als Barbie eines Tages über den Tod nachdenkt, bin ich begeistert. Der anfängliche Verweis auf Odyssee im Weltraum hat vielleicht nicht zu viel versprochen! Barbie erwacht in ihrem Traumhaus und nichts ist mehr wie gewohnt. Das Wasser ist zu kalt, die Milch ist schlecht – Zellulite! Als ob das spielende Mädchen feststellte: Da ist eine Realität jenseits der Schublade, in die ich gezwungen werde, und jenseits des Perfektionsdrucks. Was an anderer Stelle noch angedeutet wird, hätte ein guter Plot sein können: Ein Mädchen kämpft sich frei, versucht es zumindest, und darunter leidet der Originalzustand ihrer geschlechtertypischen Puppe, bis sie zur „Weird Barbie“ geworden ist.

Doch die Zellulite war bereits der Höhepunkt des Films. Von jetzt an wird es nur noch schlechter. Denn Barbie begibt sich nicht auf den Weg der Dekonstruktion. Sie bringt keine Aufrichtigkeit in ihre Welt, sie schneidet sich nicht die Haare ab und bemüht sich um Revolution. Stattdessen wirkt der restliche Film, als wäre er im letzten Moment vor der Abgabe aus den Ergebnissen eines Brainstormings, widersprüchlich oder nicht, zusammengeschustert worden. Entsprechend langweilig und seltsam ist der Plot. Sicher, der Film hat vereinzelt seine Momente. Trotzdem leidet er vor allem an fehlender Konsistenz. Fans werden wissen, dieses Chaos als Brillanz zu verkaufen. Für mich ist es eine Katastrophe. Ich hatte ein feministisches Meistwerk erwartet – und nichts Geringeres darf ein Film mit diesem Titel sein, wenn er den Sexismus seines Gegenstands aufarbeiten soll. Stattdessen behandelt Barbie den Feminismus so oberflächlich, wie es Mattel schon immer getan hat.

Von Oberflächlichkeit kann bei Oppenheimer nicht die Rede sein. Wenn die Atombombe explodiert, werden die Zuschauerinnen von der unbeschreiblichen Gewalt in die Kinositze gepresst. Es ist nicht möglich, sich darauf vorzubereiten. Das Leid, das die Bombe später verursacht, ist sogar noch erdrückender. Wie müssen sich die Verantwortlichen unter dieser Last gefühlt haben? Von kühlen Gedanken zur göttlichen Zerstörung. Die Menschheit hat vermutlich keine größere Geschichte zu erzählen. Mir fehlen die Worte dafür. Nolan und Göransson schaffen es, das Unsagbare zu vermitteln.

Weil sie sich nicht mehr wohlfühlt, besucht Barbie – mit Ken im Schlepptau – die reale Welt, wo die Verhältnisse spiegelbildlich zu Barbieland beschaffen sind. Wer dieses Bild im Kopf behält, wird spätestens die Stirn runzeln, wenn Ken Barbieland zu einem Patriarchat umgestaltet – und Barbie ihm das Handwerk legen muss. Die Kens sollen sich lieber, wie die Frauen in der echten Welt, langsam hocharbeiten. Außerdem sollen sie ihre emotionale Abhängigkeit überwinden. Im Ernst? Das passt zur Karriere-Barbie in den Kleidern einer Geschäftsfrau. Streng dich einfach mehr an, dann kannst du alles werden! Und wenn nicht, liegt es an dir.

Zum Ende hin dreht sich Oppenheimer weniger um die Bombe, sondern um das persönliche Schicksal seiner Titelfigur nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich kann dem Film die Schnelligkeit, die Kompliziertheit und dieses lange Ende verzeihen. Schließlich handelt er von einem Physiker, dessen Leben ein bedeutender Teil der Menschheitsgeschichte ist. Und die Menschheitsgeschichte ist ein bedeutender Teil seines Lebens. Ich finde nicht, dass der Film den einen oder den anderen Weg mehr hätte gehen müssen. Es kam für mich nie ein Gefühl der Unnahbarkeit auf. Vielmehr habe ich wahrscheinlich noch keine Kinovorstellung so gefühlt wie diese, selten so viele Tränen vergossen.

Wenn Ken besiegt ist und von Barbie zurückgewiesen wird, weint er ebenfalls. Der Film macht sich dabei erneut über den „verweichlichten“ Mann lustig. Ja, auch sein toxisch-männliches Gehabe wurde zuvor aufs Korn genommen. Aber stand es da nicht für den Befreiungskampf der Frau? Es ergibt einfach keinen Sinn. Wenn die Kens in Barbieland das Schicksal der realen Frauen teilen, wieso kämpfen dann reale Frauen mit den Barbies? Weil sie auch weiblich sind? Weil jede Vorherrschaft eines angeblichen Geschlechts falsch ist? Schön! Aber wieso führen die Charaktere dann keine Gleichheit ein, wieso dekonstruieren sie die Geschlechterrollen nicht – wenigstens in Barbieland? Wo nicht einmal Genitalien existieren! Und was ist eigentlich mit diesem Allan, der wie die Verächtlichmachung aller wirkt, die sich in der binären Welt nicht einordnen wollen oder können? In einer relativistischen Rede hören wir, die Frauen können es ob ihrer Unterdrückung sowieso nicht richtig machen. Greta Gerwig ist fein raus.

Neben Werken wie Schindlers Liste gehört Oppenheimer zu den wichtigsten Filmen der Menschheit, wenigstens ist er Nolans wichtigster Film. Er erzählt von den Extremen unseres Daseins. Er rüttelt wach, auf gelungene Weise. Oppenheimer bemächtigt uns, indem er uns die eigenen Grenzen aufzeigt. Primitive Menschen besitzen noch heute das Instrument zu ihrer eigenen Zerstörung. Trotzdem wurde diese Waffe fast 80 Jahre nicht mehr eingesetzt.

Der Barbie-Film scheitert derweilen krachend an der Vermittlung notwendiger Botschaften und reproduziert in seiner Verwirrtheit bestehende Diskriminierungsstrukturen. Eine Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus liefert er gar nicht. Der zwanghafte, dümmliche Witz erstickt jede berechtigte Kritik an Mattel. Was bleibt, ist Ohnmacht.

Eine Atombombe ist kein Spielzeug. Und auch Barbie-Puppen sind mehr als das. Beide Dinge stehen für gesellschaftliche Herausforderungen, die wir entweder gemeinsam meistern können. Oder wir lassen sie links liegen, setzen uns nur notdürftig damit auseinander – um weiter darunter zu leiden.


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