Bernie Sanders war in Europa. Am 12. Oktober stellte er in Berlin sein neues Buch vor: „Es ist okay, wütend auf den Kapitalismus zu sein“. Seit über acht Jahren bin ich Unterstützer des US-Senators aus Vermont, darum konnte ich mir die Veranstaltung nicht entgehen lassen. Leider musste ich feststellen, dass meine Begeisterung für Bernie den Zenit mittlerweile überschritten hat. In diesem Beitrag will ich erklären, woran das liegt. (Falls du Bernie Sanders noch nicht kennst, empfehle ich seinen Wikipedia-Eintrag und diesen Artikel von mir.)
Was meint Bernie eigentlich, wenn er vom Kapitalismus spricht? Worauf dürfen wir wütend sein? Leider blieb er bei seinem Auftritt in dieser Hinsicht wie üblich recht vage. Er sprach nicht über Eigentumsverhältnisse, die sich ändern müssten, grundlegende Probleme der Marktwirtschaft oder von den Ungerechtigkeiten des Leistungsprinzips. Im Gegenteil, er lobte den Wettbewerb und das Jungunternehmertum. Auf die „Gier“ der Milliardäre und Großkonzerne sollen wir nämlich wütend sein, nicht zuletzt wegen ihres Einflusses auf Politik und Medien. „Keine netten Menschen“ seien das, findet Bernie. Sie lebten auf Kosten aller anderen und bemühten sich, dass es so bleibt. Er wirft die Frage auf, ob wir sie wie Kriminelle behandeln sollten.
Das ist Populismus. Und darum gefährlich. Bernie zeichnet eine schwarz-weiße Welt: „Wir“ gegen „die da oben“, das Establishment, die Elite. So kommen demokratiefeindliche Reflexe zustande. Wer die Böswilligen nicht zur Rechenschaft ziehen will, kann ja nur mit ihnen unter einer Decke stecken!
Außerdem gehen solche Betrachtungsweisen an der Wahrheit vorbei. Ja, Elon Musk … ist kein netter Mensch. Das bedeutet aber erstens nicht, dass er kein menschliches Wesen ist. Und es bedeutet zweitens nicht, dass er die entscheidende Verantwortung für die Übel des Kapitalismus trägt (obwohl er sicherlich irgendeine Verantwortung trägt, schließlich könnte er sich mit großer Wirkung für den Sozialismus einsetzen, wenn er denn wollte). Jede Bourgeoise, um klassisches marxistisches Vokabular zu verwenden, muss, wenn sie ihren Status erhalten will, höhere Gewinne erwirtschaften und mehr investieren, also besser wachsen als die konkurrierenden Bourgeioses. Daher widersprechen die Interessen einer Managerin systembedingt den Interessen ihrer Angestellten, die das Wachstum des Unternehmens eigentlich erwirtschaften. Ohne das kapitalistische System an der Wurzel zu packen, lassen sich seine negativen Auswirkungen jedenfalls nicht restlos und langfristig beseitigen. Vonwegen „Gier“. Es geht eben nicht nur um ein Benehmen, das allein moralisch verwerflich ist und sonst keine Ursache hätte.
Statt antikapitalistische Aufklärung zu betreiben, konzentriert sich Bernie lieber auf typisch sozialdemokratische Themen: höhere Steuern für die Reichsten, höhere Mindestlöhne, sichere Arbeitsplätze für alle, stärkere Gewerkschaften und dergleichen. Das hat auch seine Berechtigung. Mehr Umverteilung und eine gut organisierte Arbeiterinnenbewegung sind wichtige Schritte in Richtung Sozialismus und verbessern die Situation im Kapitalismus. Aus diesem Grund ist Bernie nach wie vor einer der wichtigsten Politikerinnen seines Landes und zweifellos ein linker Vorreiter. In den Vereinigten Staaten stößt er damit allerdings an die Grenzen des politischen Spektrums. Vermutlich hält er sich mit tiefgehender Kapitalismuskritik zurück, um sein heimisches Publikum nicht zu verprellen. Immerhin bei Tilo Jung ließ er durchscheinen: über Gemeinschaftseigentum könne irgendwann nachgedacht werden.
Noch einmal: Während Bernies Forderungen in Deutschland als sozialdemokratisch oder sozialliberal durchgehen können, gilt er in den USA als radikaler demokratischer Sozialist – oder sogar als brandgefährlicher Kommunist. (Ein Recht auf Gesundheitsversorgung wäre auch eine Zumutung für die geilste Nation der Welt.) Insofern ist es nachvollziehbar, dass er sich dort nicht weiter aus dem Fenster lehnt. Für die USA hat er viel erreicht und wäre besser Präsident geworden. Das sehe ich noch immer so.
Trotzdem halte ich seinen Populismus nicht mehr aus. Bernie scheint zu glauben, dass die amerikanische working class nur für solche polemische Rhetorik empfänglich ist. Ich will das gar nicht unbedingt bestreiten. Viele Arbeiterinnen haben schlicht keine ausreichende Bildung und erst recht nicht die Zeit, sich mit komplizierten Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Und im Vergleich zu seinen amerikanischen Mitbewerberinnen gibt Bernie bereits jetzt keine einfachen Antworten. Doch muss menschenfreundliche Kommunikation ein bisschen Stimmenverlust wert sein. Mir ist wichtig, möglichst viele Leute von den richtigen Inhalten zu überzeugen. Und nicht, die vermeintlich richtigen Gruppen zu mobilisieren.
Zum Abschluss will ich noch etwas Positives über Bernie sagen: Im Gegensatz zu Sahra Wagenknecht hierzulande spaltet er das Proletariat nicht. Stattdessen gelingt es ihm, Sozialpolitik und Antidiskriminierung zu vereinen. Außer die Milliardäre gehören alle zum „Volk“. Ungeachtet ihrer Herkunft, Religion, Hautfarbe oder Geschlechtsidentität. Das unterscheidet Links- von Rechtspopulismus.
