Was für ein Irrsinn das Leben ist.
Wohin meine Gedanken mich treiben.
Schöne Musik.
Tote Körper.
Die Gewaltigkeit einer Gewitterwolke.
Das Rauschen des Meeres.
Der Mond und die Sterne.
Was mache ich hier?
Herbstlaub, Eis und Frühlingssonne.
Ein saftig grüner Sommertag.
Tanzende Menschen.
Endliche Menschen.
Sanddünen.
Zitrusfrüchte.
Blut und Bomben.
Werbetafeln.
Die Schlieren der Landschaft im Zugfenster.
Mein Spiegelbild im Badezimmer.
Schädel im Museum.
Staub im All.
Qualvolle Geburt.
Supernova.
Wir folgen keiner Ordnung.
Lass es fließen.
Lust und Begierde.
Tigeraugen im Gebüsch.
Unsägliches Leid.
Göttliche Ekstase.
Meine Schrift de impletione ist eine sehr rationale Schrift. Sie ist der Versuch, die in mir verborgene Weltanschauung und ihre Zusammenhänge einschließlich ihrer Grenzen transparent zu machen, soweit es meine Fähigkeiten und Kräfte zulassen.
Allerdings musste ich feststellen, dass ein ganz wesentlicher Teil meines Lebens, meiner Philosophie (was ist schon der Unterschied), darin nicht zum Ausdruck kommt. Dies berührt auch die Frage, was Impletion eigentlich ist.
Die Antwort liegt im Antlitz einer Sonnenblume. Sie strahlt. Sie strahlt mich direkt an. Es ist, als ob sie lachen würde. Ich sehe ihre Schönheit. Ich empfinde Glück und Freude. Die Größe und Tiefe und Fülle des Seins. Seine Rätselhaftigkeit. Seine Vollkommenheit. Dafür gibt es kein Wort, das Verständnis sicherstellt. Ich kann nur im metaphorischen Sinne darauf zeigen. Das will ich versuchen: eine etwas andere Einführung in meine Philosophie.
Ich glaube, viele Menschen würden an dieser Stelle von Göttlichkeit sprechen. Eine Gottheit, verstanden als eine Art übermächtige Person oder Entscheiderin, Herrin oder wenigstens Urheberin der Welt, können wir nicht annehmen. Die Beweise fehlen.
Aber fehlen sie wirklich? Jede Philosophie muss auf irgendetwas bauen, und ich behaupte, Impletion als einziger Sinn und Zweck des Lebens, der sich mir als bewusstes Ding in diesem Was-auch-immer offenbaren kann, liegt schlichtweg auf der Hand. Ich lache mit den Blumen und ich weiß es.
Was ich nicht wissen kann, ist, ob andere Menschen dasselbe erfahren – und als inneren Beweis einer höheren Macht hinnehmen. Der Sprung von einer solchen Erfahrung zur Annahme einer wie oben beschriebenen Gottheit bleibt allerdings töricht. Es führt kein Weg dahin.
Dennoch spüre ich es. Ich spüre es auch.
Und vielleicht spricht von Göttlichkeit nicht nur, wer darin einen Gottesbeweis sieht, sondern wer einfach möglichst treffend bezeichnen will, was nicht befriedigend bezeichnet werden kann, obwohl es ganz unbestreitbar da ist. Etwas Überwältigendes. Die Trefflichkeit des Göttlichen liegt gerade darin, dass seine Bedeutung nicht greifbar ist, der Begriff leer erscheint.
Ja, die Schönheit der Existenz, wie wir sie in unserem Geist und durch unseren Körper erleben, ist ein intensives und positives Gefühl. Eine besondere Art des inneren Erlebens. Rätselhaftigkeit und Mächtigkeit und all das tritt mit diesem Erleben – als dieses Erleben auf. Ich nenne es Impletion. Andere könnten Göttlichkeit sagen.
Nun frage ich mich: Gibt es religiöse oder spirituelle Einstellungen, von denen sich meine Weltanschauung an diesem Punkt nur begrifflich unterscheidet? Wie gigantisch ist das Ausmaß, in dem sich die Menschen seit jeher gegenseitig verfehlen? Religion und alles Derartige, was ich sonst als Unfug ablehne, insbesondere absurd wörtliche Interpretationen religiöser Erzählungen, könnten ihren Ursprung in existenziellen Erfahrungen haben, deren sprachliche Vermittlung misslungen ist. Wer kann schon wissen, was Buddha unter diesem Feigenbaum tatsächlich erlebte?
Umso reizvoller finde ich es, meine Überlegungen einmal auf den Kopf zu stellen. Statt zu versuchen, in religiösem Quatsch eine Spur von etwas zu entdecken, das ich nachvollziehen kann, will ich meinen Impletionismus in das Gewand theistischer Sprache kleiden. Was dabei herauskommt, muss symbolisch verstanden werden. Wörtlich genommen wäre es nur, wie ich sagte, religiöser Quatsch.
So gibt es eine Gottheit: Es ist die Göttin der Erfüllung. Nennen wir sie Impletio oder, was mir auch zusagt, Hedone. Sie ist alles Gute, alles Schöne, alles letztlich Anzustrebende. Ihr zu huldigen bedeutet zu lachen, zu weinen, zu tanzen, zu lieben und zu achten. Und tausend Dinge mehr. Sie zu verehren ist gleichsam, sie zu erleben. Sie ist ihre Verehrung. Für die wahrhaft Erleuchteten ist sie immer in Reichweite und wohnt in allem. Und doch ist sie nur in dir selbst zu finden.
Impletio hat einen finsteren Bruder: Nennen wir ihn Horror. Der Schrecken, das Leid. Der Dämon. Auch er gehört zu dieser Welt. Und im Grunde wohnt auch er in allem.
Daneben finden wir noch Ratio, die Gottheit von Logik und Sprache, Wissenschaft und formaler Erkenntnis. Ihre Anbetung ist das Nachdenken, sie zeigt sich im Denken – sie ist das Denken.
Die Drei existieren in engem Zusammenspiel. Sie sind das innere Erleben. Erfüllung, Leid und Verstand. Sie ringen miteinander, sie vereinigen sich, sie überlappen sich. Unsere Hausgöttin soll Impletio sein. Sie ist die und das Gute. Ohne Impletio bleibt Ratio ohne Bedeutung. Sie ist das Ziel, der Sinn, der Zweck. Ratio hilft bei der Navigation – im ständigen (aber endlichen) Kampf gegen den Schrecken.
Impletio ist bedingungslose Liebe. Sie ist Zuhause. Sie ist Frieden. Horror dagegen ist Übelkeit, ist Panik, ist Hass, Gewalt und Einsamkeit. Seine häufigste Erscheinung ist die Angst vor der Endlichkeit der Existenz: dem Tod. Das Ende von allem, vermutet Ratio. Unvorstellbar.
Das Anrufen der Impletio mag es richten: Ich muss im Abgrund seine Schönheit erkennen. Die Göttlichkeit in der Absurdität. Den Sinn des Lebens.
„Lass uns tanzen! Bunte Socken!“
– „Oh nein, wie sieht das denn aus?“
„Egal! Horror spricht aus dir! Gurkensalat!“
– „Königskobra! Du hast recht!“
Ist es Wahnsinn? Was ist denn Wahnsinn? Entscheidend ist, wie ich zu Impletio komme und wie sie in mein Leben kommt.
In vielen Fällen erweist sich Horror als Gespenst, das vor Impletio verblasst, sobald ich in seine Fratze blicke. In anderen Fällen, wenn ich dem buchstäblichen Tiger gegenüberstehe, der seine Zähne in meinen Hals stoßen will, kann ich diese Umstände hoffentlich noch zu meinen Gunsten bewegen. Horror erweist sich dann sogar als Freund der Impletio, weil er mich dahin scheucht, mein Leben zu retten. So offenbart es Ratio.
Horror will mich eigentlich immer auf den rechten Pfad zu seiner Schwester führen, er tut dies nur leider auf sehr unangenehme Weise. Es ist eben seine Weise. Er ist ihr Gegenpol und weil sie gut ist, ist er für uns das Schlechte. Und manchmal erscheint er ganz ohne Not.
So ist das Leben. Leidvoll und bisweilen unnötig leidvoll. Und außerdem wunderschön. Göttlich, wer so will. Das ist, worum es geht. Suchet und findet Impletio, die Schönheit des Seins zu empfinden! Fraget Ratio um Rat, dies zu erreichen! Und allzu häufig ist ausgerechnet eine Begegnung mit Horror die Lösung. Weil die Bestie als harmloses Kuscheltier entlarvt werden muss. Oder weil doch ein Kampf ums Überleben ansteht.
Diese Art der symbolischen Sprache muss ich natürlich schlussendlich ablehnen, wird sie nur zu rasch missverstanden. Doch es liegt für mich auch ein Reiz darin, die emotionale und existenzielle Bedeutung der Impletion einmal auf diese Weise zu illustrieren. Bei alledem geht es freilich nicht um mehr als Emotionen, deren reale Bedeutung in sachlichen Texten sonst zu stark in den Hintergrund gerät.