Die beiden YouTuber F.D Signifier und Adam Something veröffentlichten zuletzt jeweils ein empfehlenswertes Video, das sich mit der Rolle der Popkultur in Bezug auf den Faschismus und der Innenperspektive seiner Anhängerinnen beschäftigt. Beide erwähnen dabei den Film Starship Troopers von 1997 – eine Satire auf Militarismus und Faschismus, die offenbar gern missverstanden wird. Ich kannte den Film bisher nicht, habe ihn mir aber natürlich sofort angesehen. Angesichts der jüngsten amerikanischen Präsidentschaftswahlen sowie der wachsenden rechten Bedrohung in Europa müssen wir dringend verstehen, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, die sich auf die „dunkle Seite“ begeben.
In meinem allerersten Blogartikel habe ich erläutert, dass kein fiktives Werk unpolitisch ist und die Bösen sich immer als strahlende Heldinnen einer verdrehten Welt sehen. Nach dieser Logik sollte es im Kampf gegen faschistische Ideologien genügen, möglichst eindrucksvoll aufzuzeigen, wie die Welt tatsächlich beschaffen ist – nämlich umgekehrt. Doch das greift zu kurz und bedarf einer Ergänzung. Denn es gibt Menschen, die sich ganz bewusst für die Rolle des Bösewichts entscheiden. Für sie wird eine Ideologie durch die Betonung ihrer Schrecklichkeit eher noch attraktiver. Warum ist das so?
Manche identifizieren sich in Starship Troopers mit den gehirngewaschenen Soldatinnen, weil sie wirklich glauben, dass die Weltraumkäfer die Menschheit bedrohen und deshalb vernichtet werden müssen. Die Guten im Kampf gegen das Böse. Verdrehte Welt eben. Andere wiederum erkennen die Unschuld der Bugs, bewundern aber dennoch die makellose Stärke und unbändige Schönheit der Troopers. Ob die Käfer eine Bedrohung darstellen, wird zunehmend unerheblich. Der Kreis schließt sich, sobald die Hässlichkeit der Bugs als Definition des „Bösen“ genügt.
Ängstliche, einsame, niedergeschlagene Menschen – meistens junge Männer – finden Halt in dieser Überhöhungsästhetik. Sich zum Bösen zu bekennen, gibt ihnen ein Gefühl von Bedeutung, das sie in ihrem Leben sonst schmerzlich vermissen. Sie wollen sich einfach nicht mehr so minderwertig fühlen. Sie müssen die Welt gar nicht verdrehen – sie wählen das Böse bewusst, um wenigstens dafür beachtet zu werden. Lieber gefürchtet als unsichtbar. Der Bösewicht erscheint nicht schwach und hässlich, sondern stark und schön oder wenigstens „cool“ und „edgy“. Der Joker überschminkt seine „Schwäche“ oder „Hässlichkeit“ sogar buchstäblich. Auf armseligste Weise versucht er, Aufmerksamkeit zu erhalten.
Sachliche Argumente oder die Etiketten „gut“ und „böse“ sind für solche Anhängerinnen des Faschismus nebensächlich. Für sie dürfte allein entscheidend sein, welche Identität sich am besten eignet, um ihre Ängste zu verdrängen. Hauptsache Überlegenheit ausstrahlen! Und nichts signalisiert mehr Überlegenheit als Gewalt gegen andere. Natürlich sind sie sich dieses psychologischen Mechanismus normalerweise nicht bewusst.
Nicht bewusst ist dieser Mechanismus leider auch vielen Liberalen und Linken, wenn sie nicht sogar ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legen. Womöglich scheitern sie deshalb mit ihren Versuchen, den Aufstieg des Faschismus zu bremsen. Mir zeigt sich immer deutlicher: Solange nicht mehr Menschen ein Verständnis von Psyche entwickeln, sind wir verloren. Ich bin selbst ein Lernender und noch nicht allzu lang dabei.
Eine gesunde Psyche bedeutet Mut zur Verletzlichkeit. Das ist die eigentliche Stärke. Vermeintlich starke Menschen, die sich nur auf Kosten anderer überhöhen, sind in Wahrheit schwach. Nicht, weil sie überhaupt Ängste haben – sondern weil sie auf diese Art vor ihnen davonlaufen. Indem wir das Böse der Lächerlichkeit preisgeben, nehmen wir ihm zwar seine Strahlkraft. Das kann eine gute Methode sein, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Aber eigentlich sollten wir das Problem an der Wurzel packen: Der wahre Kampf gegen den Faschismus ist die Auseinandersetzung mit der Angst, die ihn nährt – sowohl bei anderen als auch in uns selbst.
