Die revolutionärste Tat

Ich war zu einem Menschen geworden, der die Welt in Sinn und Unsinn teilt. Gefühle betrachtete ich entweder als berechtigte Nebeneffekte logischer Auffassungen oder als unlogische Regungen, die sowieso nur zustande kommen könnten, wenn keine rationale „Einsicht“ stattgefunden hätte. Dieses Weltbild geriet schnell an seine Grenzen. Denn die Leute verhielten sich seltsamerweise ganz anders. Selbst die simpelsten und klügsten Argumente waren vergeblich; sie beharrten auf noch so lächerlichem Unsinn. Und vor allem: Manchmal schienen sie etwas durchaus einzusehen, folgten ihrer Einsicht aber nicht. Das machte mich furios. Eine gerechtfertigte Regung, wie ich fand. Ich kam gar nicht erst auf die Idee, sie zu hinterfragen. Den Aufruf, es zu tun, hätte ich als unseriösen Versuch betrachtet, von den Inhalten abzulenken, die mich einzig interessierten. Wer dies sagt und jenes tut, praktiziert einen Widerspruch. Also doch keine echte Einsicht, schlussfolgerte ich. Und ich verzweifelte an der Menschheit, die offenbar so oft am restlosen und konsequenten Verstehen scheiterte.

Erst mit 21, durch meine Partnerin, dämmerte mir so langsam, dass ich wohl etwas übersehen musste. Nicht Dummheit war das Problem. Nur weil ich erkennen mag, dass es mich erfüllen würde, zu fliegen, kann ich mir noch lange keine Flügel wachsen lassen. Sicher, ich kann Umwege finden, mich in die Lüfte zu begeben. Aber Einsicht und Willenskraft reichen dazu nicht aus. Womöglich gibt es solche Schranken auch im Geiste.

Einige Jahre später, 2023, sorgte LSD für meinen endgültigen Durchbruch: Das Unbewusste bestimmt die Menschen, und nur allzu häufig sind es versteckte Ängste, die das Verhalten unbemerkt lenken. Ängste, die gegenstandslos (geworden) sind. Ich verstand auch, dass es nicht nur die anderen betraf. Was ich für meine Persönlichkeit gehalten hatte, unumstößlich, wer ich bin, war in Wahrheit die Marionette eines unsichtbaren Dämons gewesen. Ich begriff: Die Menschen sind nicht frei, sie sind Produkte ihrer Umwelt. Gleichzeitig muss das Verborgene nicht für immer verborgen bleiben. Es ist veränderlich.

Ich hatte meine Gefühle seit jeher unterdrückt. Was keinen „Sinn“ ergab, ließ ich gar nicht erst zu. Bis heute versuche ich, einen gesunden Umgang mit ihnen wiederzufinden. Und obgleich es immer besser wird, ist der Weg ein weiter. Ein lohnenswerter allerdings auch. Es lohnt sich, an sich zu arbeiten. Den Schrecken ins Auge zu blicken. Und so manchen bedrohlichen Tiger als zahme Hauskatze zu entlarven. Seit diesem Jahr bin ich in guter Psychotherapie. Ich kenne keine einzige Person, der ich das nicht ebenfalls empfehlen würde.

Der Grund, warum die Menschheit so jämmerlich versagt, ausbeutet, zerstört und tötet, liegt im Wesentlichen nicht an ihrer Dummheit. Sondern an ihrer Psyche. Der Geist ist in vielerlei Hinsicht der Kern des Politischen. Ohne über den Krieg gegen die Angst zu sprechen, den wir alle führen, wird die schöne Welt vor uns verborgen bleiben. Ein freiheitlicher, friedlicher und demokratischer Sozialismus im Einklang mit der Umwelt kann nur funktionieren, wenn die Menschen ein Bewusstsein über ihr Bewusstsein erlangen. Linke und Liberale beißen sich bekanntermaßen die Zähne an der Irrationalität der Menschen aus. Kein Wunder, denn der nötigen Offenheit fehlt die psychische Gesundheit. Der Kapitalismus fördert dieses Problem. Vor der politisch-ökonomischen Revolution braucht es deshalb eine Revolution der Psyche.

Laut Rosa Luxemburg, die ihrerseits Ferdinand Lasalle zitierte, ist zu sagen, was ist, die revolutionärste Tat. Das gilt aus meiner Sicht auch hier. Radikale Ehrlichkeit, das Sprechen über Psyche, ist vor allen anderen der revolutionärste Akt. In welchem Maß sich dies taktisch am ehesten lohnt und wann es in der herrschenden Ordnung vielleicht mit realen persönlichen Risiken verbunden ist, bleibt eine andere Frage. Mir ist klar, dass eine Bewegung, die sich dies zur Aufgabe macht, ganz am Anfang steht und mit viel Gegenwind zu rechnen hat. Aber irgendjemand muss vorangehen.

Öffne dich. Wovor hast du Angst? Schau hin. Teile deine Gefühle. Hinterfrage dein Verhalten. Beschäftige dich mit Psychedelika, sie vermögen alle Kulissen umzuwerfen. Suche nach einem Therapieplatz. Bewege deine Mitmenschen zur Selbstreflexion. Dergleichen ist das wichtigste Unterfangen. Und das größte Abenteuer.


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