Eine Anleitung zur Wahrheitsfindung

Was ist die Wahrheit? Vor ein bis zwei Generationen waren Enzyklopädien als anerkannte Quellen des Wissens weit verbreitet. Mittlerweile stellt das Internet schier unendliche Mengen konkurrierender Information zur Verfügung. Alle können ihre Meinung teilen (wie ich es hier tue) und jede noch so krude Weltsicht findet Gesellschaft. Diese Vielfalt bietet zwar grundsätzlich emanzipatorische und demokratische Chancen, stiftet aber auch große Verwirrung und verursacht zahlreiche Probleme. Denn es mangelt an der Kompetenz, Wahrheitsentwürfe gegeneinander abzuwägen und eine fundierte Wahl zu treffen. Auch das Vertrauen in die Enzyklopädien war blind, aber es war alternativlos. Zu viele Weltanschauungen beruhen nicht auf intensiven Überlegungen und Diskursbereitschaft, sondern auf Wunschvorstellungen. Und so leben wir im Zeitalter der Fake-News-Manipulation, der Verschwörungsmythen und der neuen faschistischen Bedrohung.

Die Suche nach Wahrheit führt in letzter Konsequenz zur Philosophie, zu existenziellen Fragen und nicht selten zur Krise. Die allermeisten Menschen dürften mit diesen Tiefen höchstens oberflächlich vertraut sein. Natürlich steckte bereits hinter den alten Enzyklopädien ein hoher redaktioneller und wissenschaftlicher Aufwand. Das entzog sich aber der breiten Öffentlichkeit. Es reicht nicht mehr aus, einfach auf Autoritäten zu verweisen. Dort liegt der Hund begraben. Nicht ohne Grund verstehen viele Menschen jede Ablehnung des „Mainstreams“ bereits als erfolgreiches Hinterfragen, dabei ist auch das keine Erkenntnisoffenheit. Daniele Ganser, Sucharit Bhakdi oder Sahra Wagenknecht machen sich die Orientierungslosigkeit zunutze; sie wirken wie eine Einstiegsdroge in die Schwurbelei. Am Ende bedroht das unsere Freiheit. Es ist wichtig, dass die Menschen zum kritischen Denken befähigt werden. Obwohl der Kapitalismus nicht immer Raum dafür lässt. Darum will ich in diesem Artikel eine konkrete und möglichst kurze Anleitung zur Wahrheitsfindung vorschlagen.

Erstens: Welche Aussage ist logisch stichhaltiger? Gehen wir von zwei sich widersprechenden Aussagen aus, die jeweils für sich beanspruchen, wahr zu sein, können wir zunächst überprüfen, ob eine der beiden fehlerhaft konstruiert ist. „Dieser Kreis hat Ecken“ ist logisch falsch, da sich die verwendeten Begriffe gegenseitig ausschließen (außer wir definieren sie neu). Für diesen ersten Schritt sind wir auf die Regeln der Logik angewiesen, die ich an dieser Stelle offenlassen muss. Wichtig: Jedes Logiksystem läuft notgedrungen auf das Münchhausen-Trilemma hinaus, kann also prinzipiell in Frage gestellt werden. Anders ausgedrückt: Die Pfeiler der Welt reichen unendlich in die Dunkelheit hinab, und wenn wir verstehen wollen, was dennoch da ist, müssen wir irgendwelche Grundannahmen festlegen. Dabei ist nach wie vor Erkenntnisoffenheit gefragt: Es gilt, die besten Annahmen, Offensichtlichkeiten, Self-Evidenzen zu finden. Hier bewegen wir uns an der Grenze des menschlichen Verstehens. Erkenntnisoffenheit ist jedenfalls die Voraussetzung für Wahrheitsfindung: der aufrichtige Antrieb, nicht falsch zu liegen. (Leider können sich manche Menschen darauf psychisch nicht einlassen, siehe kognitive Dissonanz.)

Zweitens: Ist eine der beiden Aussagen bereits falsifiziert, das heißt widerlegt? Falls ja, ist die andere vorzuziehen. Klassisches Beispiel: Der Satz „Es gibt nur weiße Schwäne“ ist offensichtlich falsch, wenn mindestens ein schwarzer Schwan existiert.

Drittens: Für welche Aussage gibt es mehr empirische Beweise? Dieser Punkt wirft die Frage auf, was als Beweis gilt. Wann ist etwa die Existenz schwarzer Schwäne bewiesen? Sobald ich mit eigenen Augen einen gesehen habe? Auch das können wir mit der hier empfohlenen Methodik beantworten. So ist es viel wahrscheinlicher, dass ein schwarzer Schwan existiert, wenn mehrere Bilder von einem schwarzen Schwan existieren, als wenn eine Bekannte berichtet, sie habe einen schwarzen Schwan im Augenwinkel gesehen. Und wenn nun die Bilder gefälscht sind? Erneut haben wir es mit zwei konkurrierenden Aussagen zu tun, die wir gegeneinander abwägen können: „Die Bilder sind gefälscht“ und „Die Bilder sind nicht gefälscht“. Die Nichtexistenz einer Sache kann übrigens nicht bewiesen werden. Das bedeutet auch, dass Menschen, die an Gott oder eine Verschwörung glauben, die Beweispflicht haben – und nicht umgekehrt („Beweis mir das Gegenteil!“).

Viertens, wenn keine Beweise vorliegen: Welche Aussage ist theoretisch plausibler? Beziehungsweise: Welche Aussage ist einfacher? Je mehr wir uns verbiegen müssen, um eine Aussage in unser bisher (hoffentlich wohl durchdachtes) Weltbild zu integrieren, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie falsch ist. Schon deshalb sind die meisten Verschwörungsmythen nicht überzeugend. Zu den Bildern vom schwarzen Schwan: Ohne bestechende theoretische oder empirische Beweisführung, warum sie gefälscht sein sollten, sind sie ein hinreichender Beweis für seine Existenz.

Eine Garantie, die absolute, vollständige, endgültige Wahrheit zu finden, gibt es nicht. Das bedeutet aber keinesfalls, dass wir gar nichts wissen können. Es gibt sehr wohl temporäres Wissen, das wir ernst zu nehmen haben, solange es gilt, während wir gleichzeitig immer für Änderungen offen sind. So macht es die Wissenschaft. Die vier obigen Absätze sollen in diesem Sinne zu entscheiden helfen, welche Aussagen vorerst als wahr zu gelten haben und welche abzulehnen sind.

Zudem möchte ich dazu ermutigen, sich mit Scheinargumenten vertraut zu machen. Das soll kein Autoritätsverweis sein; diesbezüglich gilt wie bezüglich dieses Artikels: Denke selbst nach! Meine Hilfestellungen funktionieren ohnehin nur, wenn sie tatsächlich nachvollzogen und begriffen werden. Von meinem Standpunkt aus sollten sich Wissenschaftsfeindlichkeit, Querdenkerei, Esoterik, Astrologie, Religiosität, Klimaleugnung und so weiter dann erledigt haben.

Zu guter Letzt muss ich ein Wort zur Medienkompetenz verlieren. Machen wir uns nichts vor: Niemand kann alles selbst herausfinden. Wir sind auf Wissen aus zweiter oder dritter Hand angewiesen. Das macht aber nichts. Denn wir können die Vertrauensfrage mit dieser Anleitung genauso beantworten wie alle anderen Aussagen. Es ist völlig in Ordnung, einem Medium zu vertrauen, solange wir es hin und wieder hinterfragen und es sich bewährt. Mit ein paar Skandalen ist natürlich überall zu rechnen; oftmals unterstreichen sie überhaupt erst den aufrichtigen Anspruch eines Mediums. Schließlich gibt es journalistische und wissenschaftliche Kodizes, die in der Regel sehr ernst genommen werden. Dass so viele Schwurblerinnen auf rechtsextreme Schundblätter, dubiose YouTube-Kanäle und Telegram-Gruppen als einzig glaubhafte Informationsquellen schwören, während sie die Tagesschau verteufeln, ist regelrecht lächerlich. Auf der anderen Seite genügt es auch nicht, zufällig richtig zu liegen.

Sei eine mündige Bürgerin. Um deinetwillen.


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