Die Grüne Jugend schlägt ihnen Arbeitskämpfe als Alternative zu Straßenblockaden vor; die AfD scheitert am Versuch, sie zu verbieten. Die Letzte Generation polarisiert. Ich habe mit einem Mitglied der Gruppe gesprochen: Simon Lachner kommt aus Regensburg und ist 25 Jahre alt.
Ich erinnere mich an deine Worte, als wir uns vor ein paar Jahren persönlich getroffen haben: „Das 1,5-Grad-Ziel ist realistisch betrachtet bereits Geschichte – was können wir jetzt noch tun?“ Kurz davor warst du den Grünen beigetreten. Wie hast du dir deine Frage in der Zwischenzeit beantwortet?
Ich war nur kurze Zeit in der Partei. Heute bin ich bei der Letzten Generation und engagiere mich außerparteilich für den Erhalt unserer Werte und für unsere Demokratie. Die Erhitzung um 1,5 Grad ist inzwischen schon sicher. Das werden wir überschreiten. Vielleicht bereits 2026 – spätestens 2030. Diese Grenzen – 1,5 oder 2 Grad – sind aber auch keine sicheren Bereiche. Es ist nicht alles gut, wenn wir unter 2 Grad bleiben. Schon jetzt eskalieren die Naturkatastrophen und kosten Leben. Die ersten 10 Tage im September gab es jeden Tag Fluten in neuen Gegenden. Und es ist ja völlig klar, wenn unsere Ozeane seit März plötzlich deutlich wärmer werden, dann verdunstet da auch mehr und das kommt dann auch wieder runter. Und jetzt sind wir gerade zwischen 1,2 und 1,5 Grad etwa. Das wird alles immer krasser werden.
Wollt ihr die Bevölkerung von der Notwendigkeit des Klimaschutzes überzeugen – oder Druck auf die Regierung ausüben?
Es ist notwendig, dass wir, so schnell es geht, aus Kohle, Öl und Gas rauskommen. Diese fossilen Energien erhöhen mit jedem Kilo, mit jedem Liter und mit jedem Kubikmeter die Risiken auf dieser Erde. Risiken für unser Leben, unser Zusammenleben. Die Wissenschaft, die Ölkonzerne und auch die Politiker:innen wissen das seit fünf Jahrzehnten. Wir erwarten deshalb, dass unsere Regierung jetzt noch das mögliche Zeitfenster nutzt und den Ausstieg bis 2030 einleitet. Das muss jetzt sein. Rein aus physikalischen Gesetzen. Emittieren wir zu viel, wird es kein friedliches Zusammenleben auf der Welt mehr geben. Das muss verhindert werden.
Das Motiv für eure Aktionen ist nachvollziehbar. Über die Wirksamkeit der Aktionsformen lässt sich aber streiten. Die Straßenblocken bewirken anscheinend vor allem reaktionären Widerstand. Wie siehst du das?
Unser störender Protest bringt immer wieder das Thema Klimaschutz und notwendige Veränderung an die Oberfläche. Viele Menschen würden dieses Thema gern ausblenden, da es anstrengend ist, darüber nachzudenken. Weil uns Menschen Veränderung immer eher Angst macht. Viele dieser Gefühle werden mit unseren Protesten verbunden. Das ist für mich okay, solange wir es dadurch schaffen, am Ende dieser Debatten an den Punkt zu kommen, an dem wir uns einig sind, dass wir unsere Lebensgrundlagen wichtiger finden als das unendliche Wirtschaftswachstum. Dass uns eine gesicherte Ernährungslage wichtiger ist, als dass alle Superreichen ihre absoluten Freiheiten haben und mit ihren Privatjets die brennende Welt von oben betrachten können. Ja, unsere Blockaden stören. Rütteln auf und bringen das leidige Thema Klimaschutz nach oben. Aber es muss sein, denn wir können dieses Thema nicht unendlich lang ignorieren. Fluten, Nahrungsmittelknappheit, Dürren – all das wird uns einholen.
Wurdest du schon einmal von Passantinnen angegriffen?
Bei unseren Straßenblockaden entstehen immer wieder intensive Emotionen. Ich denke, es kommt in diesen Momenten viel Frust und Unsicherheit an die Oberfläche, die entstanden ist durch die vielen unterschiedlichen Informationen. Die Unsicherheit, ob die Regierung denn die Lage nun im Griff hat oder nicht, so wie der Expert:innenrat das bescheinigt. Ich wurde schon von der Straße gezogen, wurde mit einer leeren Dose beworfen oder mit Kaffee beschüttet. Aber all das ist aushaltbarer als die Fluten, die wir aktuell Tag für Tag in der Presse sehen können.
Du hast das Wirtschaftswachstum erwähnt. Müssen wir den Kapitalismus überwinden?
Dazu habe ich als Einzelperson eine Meinung. Als Letzte Generation erwarten wir primär erstmal, dass wir aus den Fossilen Energien aussteigen. Und das eben bis 2030, denn dieses Tempo ist möglich und definitiv notwendig. Wie wir es als Gesellschaft schaffen, sozial gerecht all diese notwendigen Veränderungen zu erreichen, ist die Aufgabe der Regierung. Allerdings sollte die Regierung einen Gesellschaftsrat mit der Erarbeitung eines Weges beauftragen. Da würde ein deutlich gerechterer herauskommen, als wenn hauptsächlich Akademiker:innen für die ganze Breite der Gesellschaft planen sollen.
Du bist auch schon in rechtliche Schwierigkeiten geraten. Wie beurteilst du die Vorfälle?
Polizei und Justiz müssen aktuell unsere Proteste bearbeiten. Zu einem Ende kommen die Proteste aber erst, wenn die Politik in Bewegung kommt. Bis dahin werden wir weiter einstehen gegen den Bruch der Verfassung durch unsere Regierung. Ich wurde schon immer wieder auf Polizeistationen festgehalten, hatte bereits mehrere Gerichtsverfahren, war schon ein paar Tage in der JVA in Stadelheim. All das ist nicht schön und es gibt vieles, was ich lieber tun würde. Aber ich sehe, wie effektiv wir durch diese Proteste immer wieder die Debatten um fehlende Klimaschutzmaßnahmen anfachen können.
Was erhoffst du dir von der kommenden Landtagswahl in Bayern?
Die Klimakatastrophe beruht auf Naturgesetzen. Wie die Erdanziehungskraft ist auch die Energiebilanz bei einer gewissen Menge an Treibhausgasen in der Atmosphäre nicht politisch verhandelbar. Der Apfel fällt nach unten und die Erde erwärmt sich bei dieser Menge an Emissionen. Was ich versuchen will zu erklären, ist, dass uns Kompromisse von Parteien in puncto Klima nicht helfen werden. Es reicht nicht, die Parteien, die etwas offener sind für diese Fragen, in den Landtag zu wählen. Es braucht einen Verständniskipppunkt in der Politik, damit durch ehrliche Krisenkommunikation die Bevölkerung mitgenommen werden kann. Wenn allen klar ist, wo wir hinmüssen – dass Flughäfen zum Beispiel früher oder später stillgelegt werden müssen -, dann kann die Politik loslegen und den sozial gerechten Weg ausarbeiten. Bis dahin brauchen wir jede:n auf der Straße. Der Druck muss steigen, bis Olaf Scholz aufhört, seinen eigenen Expert:innenrat zu ignorieren, und anzuerkennen beginnt, was seine Rolle jetzt als Kanzler ist.