Seit die AfD im Bundestag vertreten ist, hat sie mindestens sechs Anträge eingebracht, die sich mit gendergerechter Sprache befassen. Es sind die einzigen Anträge zu diesem Thema. Weder Union, noch FDP, noch SPD, noch die Grünen und auch nicht Die Linke haben es auf die Agenda gesetzt. Den Faschistinnen (generisches Femininum!) geht es natürlich um den Kampf gegen das Gendern – jedenfalls, wenn wir ihnen die Besorgnis abkaufen wollen. So schreiben sie im Antrag 19/30964 aus dem Jahr 2021: „Die Verwendung der sogenannten ‚gendergerechten Sprache‘ führt zu einer unnatürlichen Verunstaltung der deutschen Sprache, durch welche ihre Verständlichkeit erheblich eingeschränkt wird.“ Und in Drucksache 20/7348 von 2023 heißt es: „Die Verwendung der sogenannten Gendersprache ist Ausdruck einer ideologischen Auffassung, die das biologische Geschlechtersystem von Männern und Frauen infrage stellt.“ Am besten solle es verboten werden. (Als ob das nicht „ideologisch“ wäre.)
Auch andere Populistinnen wie Markus Söder oder Sahra Wagenknecht inszenieren den „Genderwahn“ als Bedrohung für eine klare Sprache und das traditionelle Geschlechterbild – oder als Selbstgerechtigkeit junger, „linksgrünversiffter“ Akademikerinnen. Sie nähren das Feindbild einer bevormundenden Elite, die den Menschen vorschreiben wolle, wie sie zu reden haben. Das Gegenteil ist der Fall.
Kann es sein, dass dieses Thema nur ein Ablenkungsmanöver ist? Wer sich mit vermeintlichen Bedrohungen wie Gendern (oder Zuwanderung) beschäftigt und am Ende diejenigen wählt, die am lautesten dagegen gehetzt haben, wird vielleicht die unsoziale Politik dieser Parteien übersehen. Während Die Linke (und in geringerem Ausmaß auch SPD und Grüne) im Deutschen Bundestag für eine Stärkung des Sozialstaats kämpft, reicht die AfD Anträge zum Gendern ein. Riecht verdächtig nach Blendgranaten!
Zu allem Überfluss halte ich gendergerechte Sprache eigentlich für sinnvoll. Selbstverständlich will ich niemanden dazu zwingen. Aber ich darf wohl zum Ausdruck bringen, was ich für richtig halte, ohne gleich irgendjemanden zu verschrecken – und zur Naziwählerin zu machen.
Zunächst einmal: Gendern beeinflusst das Denken. Wer im Plural („die Lehrer“) und bei Unbestimmtheit („ein Lehrer“) diejenige grammatikalische Form benutzt (Maskulinum), die mitunter dazu dient, ein bestimmtes Geschlechtskonstrukt (männlich) von einem anderen (weiblich) abzugrenzen, stärkt damit die herrschenden Verhältnisse: das Patriarchat.
Menschen, die der Kategorie „Frau“ zugeschrieben werden, sind gegenüber Menschen der Kategorie „Mann“ strukturell benachteiligt. Stichwort Gender Pay Gap. Mehr noch: Alle Menschen, die keine Cis-Männer sind – zum Beispiel Transpersonen – werden diskriminiert. Ohne an dieser Stelle weiter in die Tiefe zu gehen: Queerfeminismus ist durchaus angebracht. Daher kommt für mich gar nicht in Frage, das generische Maskulinum zu verwenden, sofern es brauchbare Alternativen gibt. Die Lösung scheint mir auf der Hand zu liegen: das generische Femininum!
In anderen Sprachen, etwa im Englischen, ergäbe das wenig Sinn: Eine Lehrerin ist ein „teacher“ – und keine „teachess“. Bis auf wenige Ausnahmen unterscheidet das Englische nicht zwischen Geschlechtern. Im Deutschen ist allerdings gerade die Existenz der femininen Varianten der entscheidende Grund, warum das Maskulinum zur generischen Verwendung nicht taugt.
Tatsächlich bin ich als Schreiberling kein großer Freund des Genderns mit Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich oder Binnenbuchstaben – denn es gerät an seine Grenzen. „Wir bekommen eine*n neue*n Lehrer*in!“ funktioniert vielleicht noch (obwohl es nicht besonders schön aussieht), doch bei Dativ und Genitiv ist endgültig Schluss: „Wir werden dem*r neuen Lehrer*in einen Streich spielen!“, „Wir sind gespannt auf die Methoden des*r neuen Lehrers*in!“ Eine elegante Lösung für diesen Fall wäre sicherlich die Konstruktion mit „Lehrkraft“. Das ist allerdings nicht immer möglich oder ästhetisch (Schreiben ist eine Kunstform) und vor allem unnötiger Aufwand. Schließlich haben wir das Femininum! Ähnliches gilt übrigens für Partizip-Lösungen wie „die Lehrenden“; sie entfalten in meinem Kopf kaum eine andere Wirkung als das generische Maskulinum.
Die generische Verwendung des Femininums erlaubt es mir, so leicht und zweifellos zu schreiben wie eh und je. Ist das spezifische Geschlecht unbestimmt, sei die Form einfach feminin! Das funktioniert auch im Genitiv Singular: „Wir sind gespannt auf die Methoden der neuen Lehrerin!“ Wen interessiert schon ihre Geschlechtsschublade?
Das bringt mich zu einem weiteren Punkt: Die Relevanz von Geschlechtern überhaupt. Meinetwegen sollen Medizinerinnen ein idealtypisches Modell von zwei biologischen Geschlechtern mit vielen realen Abweichungen verwenden, falls ihnen das etwas nützt. Für alle anderen gilt: Geschlecht ist ein sozialkulturelles Konstrukt, das über Individuen keine relevanten Aussagen trifft, aber die Grundlage für viele sexistische Ungerechtigkeiten bildet. Nein, „Mädchen“ mögen nicht rosa, weil sie „Mädchen“ sind; sie spielen nicht zwingend lieber mit Puppen als mit einem Fußball und gehören auch nicht von Natur aus in die Küche. Solche gesellschaftlichen Rollenbilder und entsprechende Verhaltensweisen sind Folgen einer gewissen Erziehung – um nicht zu sagen Indoktrination. (Das gilt auch für andere Dinge, zum Beispiel nationale Identitäten.) Sie sollten deshalb überwunden werden.
Vor diesem Hintergrund zeigt sich der entscheidende Vorteil des Femininums im Deutschen: Es hätte das Potenzial, die Binarität restlos zu verdrängen – und zur einheitlichen, also geschlechtsneutralen Form für alle zu werden. Auch, wenn die bezeichnete Person eine idealtypische Penisträgerin ist! Im Englischen besteht der kürzeste Weg dahin aus der Etablierung der geschlechtsneutralen Pronomen „they“ und „them“; an dem weit verbreiteten Maskulinum würde ich dort nicht rütteln wollen. Aber im Deutschen kommt das Femininum wie gerufen! Durch seine stetig wachsende Bedeutung können wir sexistischen Assoziationen entgegenwirken, was die englischsprachige Welt anders hinbekommen muss, und erhalten gleichzeitig die geschlechtsneutrale Form der Zukunft!
Interessanterweise verwende ich im Alltag trotzdem hin und wieder das Gendersternchen: nämlich um zu vermeiden, dass mein generisches Femininum als spezifisches Femininum missverstanden wird. Es wird sich zeigen, welche Entwicklungen die deutsche Sprache letztlich vollzieht. Solange wir ihr diese Freiheit lassen.