Missverständnisse gehören dazu

Diskriminierung liegt nach meinem Verständnis vor, wenn Menschen mit bestimmten Merkmalen oder Zugehörigkeiten benachteiligt, abgewertet oder darauf reduziert werden, obwohl diese Eigenschaften für die jeweilige Rahmensituation keine Relevanz haben, – oder wenn diesbezüglich ein unberechtigter Zusammenhang konstruiert wird. Die besagten Merkmale sind üblicherweise Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Sprache, Alter, Sexualität oder körperliche und geistige Verfasstheit; die Zugehörigkeiten weltanschaulicher und kultureller Natur. Diskriminierung ist immer falsch und problematisch. Besteht jedoch ein berechtigter Zusammenhang zwischen den Eigenschaften und der Rahmensituation, welcher eine Ungleichbehandlung rechtfertigt – was im Einzelfall zu diskutieren ist –, liegt folgerichtig keine Diskriminierung vor.

Weiterhin muss zwischen individueller und struktureller Diskriminierung unterschieden werden. Letztere entspricht einem gesellschaftlichen Muster, das eine ganze Identitätsgruppe systematisch unterdrückt. So bedeutet die patriarchale Ordnung eine strukturelle Benachteiligung von Frauen und anderen FLINTA-Personen: Gender-Pay-Gap, Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung, sexualisierte Gewalt und so weiter. Unter stereotypischen Rollenbildern leiden indes auch die privilegierten Cis-Männer. Als weiteres Beispiel ist der strukturelle Rassismus gegenüber People of Colour zu nennen. Solche verschiedenen Diskriminierungen können sich zu allem Überfluss überlappen und gegenseitig verstärken. Sie bedürfen politischer und gesamtgesellschaftlicher Lösungen durch mannigfaltige Bemühungen aller Mitglieder der Gesellschaft.

Zum Zwecke der Emanzipation ist es unter anderem hilfreich, auf anti-diskriminierende Sprache zu achten, die bestehende Machtstrukturen nicht weiter festigt, sondern nach Möglichkeit sogar aufbricht. Wenn Sprache das Denken formt, formt sie die Gesellschaft. Ein sensibler und selbstkritischer Umgang mit Worten scheint deshalb angebracht. Diese als politische Korrektheit vielkritisierte Bemühung ist in erster Linie ein Ausdruck von Solidarität.

Ich will mich auf keinen Fall unsolidarisch verhalten, geschweige denn den Diskriminierenden unter die Arme greifen. Daher will ich mich so ausdrücken, dass aller Welt mein Standpunkt unmissverständlich klar wird und die etablierten Machtstrukturen erzittern! Doch das ist ein Gipfel, den ich nie erklimmen kann. Wenn selbst die dümmste Sexistin, Rassistin oder Antisemitin meine Worte nicht mehr verdrehen soll, selbst die kritischste Ritterin der Gerechtigkeit sich nicht über mich erheben, dann werde ich bei dem Versuch, ihnen zuvorzukommen, dem Wahnsinn verfallen. Denn ich kenne sie nicht und werde sie niemals kennen; sie sind bloß Schatten – Befürchtungen in meinem Geist.

Keine Frage: Ich kann und sollte mich um eine anständige und verständliche Sprache bemühen. Das bedeutet aber nicht, sich in den Treibsand des Selbstzweifels zu begeben. Eine absolute Wahrheit existiert nicht. Niemand ist allwissend; niemand kennt alle Menschen. Fehler gehören dazu. Missverständnisse gehören dazu. Und Meinungsverschiedenheiten ebenso. Alles, worauf es ankommt, ist die eigene – erkenntnisoffene! – Beurteilung der Dinge. Ruhe darf einkehren.

Manche Linke neigen dazu, ihren Anliegen einen Bärendienst zu erweisen, sich zu isolieren, indem sie aus Empörung blind verurteilend und nachtragend auftreten, statt ihrerseits Erkenntnisoffenheit und Nachsicht zu signalisieren. Das ist freilich nicht so einfach – aber richtig und erfolgversprechend. Umgekehrt muss keine Person Rechenschaft vor irgendjemandem ablegen außer vor sich selbst. Neurotischer Perfektionismus ist nicht Freund, sondern Feind.

Bezeichnenderweise mache ich mir nun Gedanken, ob dieser Artikel selbst missverständlich ist. Und bestimmt ist er das, für irgendjemanden. Aber meiner Ansicht nach passt er schon – und das soll genügen. Auch wenn ich es eines Tages anders sehe.


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