Drogen können zweifellos gefährlich sein. Das gilt nicht zuletzt für Alkohol und Nikotin – bekanntlich legal. Oder Motorrad- und Skifahren. Das allgemeine Attribut „gefährlich“ reicht für ein Verbotsargument nicht aus, die Sache ist viel komplexer. Was bedeutet „gefährlich“ überhaupt?
In diesem Artikel geht es gar nicht um Drogenpolitik, sondern um den Konsum von Psychedelika im Zusammenhang mit philosophischen Fragen sowie den Film 2001: A Space Odyssey aus dem Jahr 1968. (Spoilerfrei.) Vorab will ich dennoch festhalten: Ich spreche mich zwar für die Legalisierung aller Drogen aus und halte Alkohol für gefährlicher als beispielsweise Cannabis, Lachgas und LSD. Deren Wirkung kann ich im Übrigen mehr abgewinnen. Aber ich muss darauf hinweisen, dass Drogenkonsum nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf. Psychedelika wie LSD verändern die Wahrnehmung und können dabei im schlimmsten Fall unheilbare Psychosen auslösen. Wenn du solche Substanzen in Erwägung ziehst, solltest du dich ausführlich über ihre Risiken und den besten Umgang damit informieren. (Das gilt nebenbei auch für gesellschaftlich etablierte Drogen. Alkohol ist ein Nervengift. Um nicht zu sagen: kein Brokkoli.)
Bisher haben mich alle Drogen, die ich konsumiert habe, zum zwanghaften Reden und Nachdenken gebracht. Mein innerer Philosoph will jede neue Erfahrung und (vermeintliche) Erkenntnis festhalten und in die nüchterne Welt hinüberretten. Diese Verkopftheit verträgt sich nicht unbedingt mit allen Substanzen oder Dosen. Meine erste Erfahrung mit einem Hasch-Brownie in Amsterdam wurde äußerst unangenehm, sobald ich keinen Gedanken mehr zu Ende führen konnte. Ich vergaß mittendrin, wie er angefangen hatte. „Nicht dagegen ankämpfen!“, heißt es in solchen Momenten. „Fallenlassen!“ Leichter gesagt als getan.
Besonders LSD und seine Derivate, im Allgemeinen Acid genannt, machen das Nicht-Denken fast unmöglich. Als Psychedelika beziehungsweise Halluzinogene verändern sie die Realitätswahrnehmung. Mit Worten lässt sich das nicht befriedigend beschreiben. Ohne eine gewisse Resilienz können solche Trips brutal sein. Ich habe schon erlebt, dass Zeit und Raum ihre Bedeutung verlieren, bin körperlos durch einen Farbentunnel gefallen, konnte Denken von Sprechen nicht mehr unterscheiden oder ein Gesicht vor meinen Augen im Zeitraffer altern sehen. Nichts davon hatte ich zuvor ernsthaft für möglich gehalten.
Glücklicherweise erwies ich mich bisher als ziemlich belastbar. Wirklich negative Erfahrungen habe ich nicht gemacht. Dennoch sind verkopfte Acid-Trips extrem anstrengend. Sie führen zwangsläufig zu existenziellen Fragen: Was ist real? Wer oder was bin ich? Was ist Bewusstsein? Was ist der Sinn von allem? Fragen, die Stanley Kubrick in seinem Science-Fiction-Film Odyssee im Weltraum aufwirft. Der Film ist ein Klassiker. Manche sagen, es sei der beste Film aller Zeiten. Ich habe ihn erst vor kurzem gesehen. Auf Acid.
Das Spektakel beginnt in dreiminütiger Schwärze. Dazu furchteinflößende Musik. Spannung baut sich auf. In meinem Fall kriecht eine Monsterschar aus der Dunkelheit. Endlich die Titeleinblendung, zum Orchesterstück „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss. Dramatisch. Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Der Einstieg lässt erahnen, was in den nächsten zweieinhalb Stunden zu erwarten ist. Ich werde hier nicht den Inhalt verraten, stattdessen empfehle ich den Film ausdrücklich.
Die entsprechende Dosis Acid lässt die Welt in völliger Einfachheit erscheinen. Zwar sind Zitrusfrüchte (mein persönliches Highlight bis jetzt) plötzlich unbeschreiblich. Aber gleichzeitig erscheint die Welt entzaubert. Menschliche Gebilde, soziale Konventionen fallen in den Hintergrund. Trotz verschlechterter Konzentrationsfähigkeit und (Pseudo-)Halluzinationen wirkt die Welt schlichtweg nüchterner. Ironischerweise. Als läge sonst ein betäubender Schleier auf allem. Ich will beinahe sagen, LSD würde für einen objektiveren Blick sorgen. Scheinbar, denn letzten Endes passiert natürlich alles nur in meinem persönlichen Erleben. Den klaren Acid-Blick auf die Welt will ich mir gern merken, die Erkenntnisse in den Normalzustand übertragen. Denn dort kann ich besser nachdenken, das weiß ich auch während des Trips. Allerdings fehlt mir im Normalzustand die besagte Betrachtungsweise. Ein völlig klarer Denkraum existiert wohl nicht. Kann vielleicht gar nicht existieren. Das heißt aber nicht, dass sich mit Hilfe von Acid keine philosophischen Durchbrüche erzielen ließen, die im Normalzustand bedeutsam sind. Zumindest dient es der Inspiration.
Wie gesagt, kommt es auf die Dosis an. Wer allzu weit in die Welt der bunten Farben reist, hat das produktive Nachdenken hinter sich gelassen. Sobald kein funktionierender Verstand mehr vorhanden ist, der noch etwas begreifen könnte, ergibt natürlich nichts mehr einen Sinn. Im Normalzustand kann sich bald nicht erinnert und vorgestellt werden, was die unmittelbare Erfahrung war.
Mir hat LSD geholfen, eine Ansicht besser zu begreifen, die ich vorher schon vertreten, aber noch nie so deutlich vor Augen gesehen hatte. Die Dinge sind schlichtweg, wie sie sind. Dahinter, darüber oder daneben gibt es nichts. In einer Nachricht an einen Freund sagte ich: „Der Elefant ist ein Elefant und nicht etwa ein Esel, sonst wäre die Aussage nicht wahr; mehr nicht.“ Wahres zu begreifen ist an und für sich langweilig. Keine Überraschung, keine Pointe. Das Universum ist witz-los. Soll heißen: Wir machen uns einen Begriff, ein Verständnis von etwas bestenfalls in Abhängigkeit vom Rest; die Realität lässt sich jedoch nicht darüber hinaus begründen, sie ist einfach. Wenn wir versuchen, ein Abbild unseres Wahrgenommenen zu formulieren, müssen wir auf Selbst-Evidenzen bauen. Wir befinden uns in einem Käfig, dem wir niemals entfliehen können. (Das klingt schlimmer, als es ist.) Fragen nach einer höheren Macht oder einer höheren Bestimmung erweisen sich als Unfug. Natürlich müssen wir sie von Zeit zu Zeit stellen, das gebietet die Erkenntnisoffenheit. Trotzdem existiert immer eine augenblickliche Gewissheit, wo die Grenzen unserer Welt liegen. Grenzen heißt in diesem Fall: das Ende. Dahinter könnte es alles oder nichts geben; gibt es überhaupt ein „Dahinter“? Machen wir uns keine Illusion, konzentrieren wir uns auf das Wesentliche: unsere eigene Existenz und wie die Welt uns darin erscheint, also das Wahrnehmbare. Alles Weitere, falls da überhaupt etwas ist, muss uns nicht interessieren. Genauso gut lässt sich sagen: Da ist nichts! In jedem Fall ist da für uns nichts.
Eine eiskalte Antwort auf kochend heiße existenzielle Fragen. Da ist nichts weiter! Einzig und allein, was die Naturgesetze beschreiben. Gleichungen, Logik. Wenn ich so darüber nachdenke, weiß ich gar nicht, was sich all die suchenden Menschen eigentlich erhoffen. Was soll da Wärmendes und Sinnstiftendes sein? „Gott“ ist auch nur ein Platzhalter für „das Mystische dahinter“. Wir können in unserem Realitätskäfig, der vielleicht sogar unendlich groß ist, mittels Wissenschaft noch viele Verhältnisse entdecken. Und diese Entdeckungen eröffnen uns neue Wege, die wahrgenommene Außenwelt zu verändern. Einen „höheren“ Sinn werden wir aber nicht finden. Was sollte das auch sein? Für uns ist nur eins entscheidend, sinnstiftend: das schöne Erleben. Wer einen Ball ins Tor schießt und sich darüber freuen kann, erfährt bereits alles, was diese Welt für uns zu bieten hat.
„Das war’s schon?“ Ja. Das war’s schon.
Mir bereitet diese Weltsicht keine Existenzkrise. Sie unterstreicht vielmehr, was wirklich und alleinig von – wie ich meine, eigentlich selbst-evidenter – Bedeutung ist. Sie macht mich ehrlich zufrieden. Ich kann vielem etwas abgewinnen, das ich vorher unerträglich öde fand. Und das, obwohl diese Erkenntnisse für mich gar nicht neu sind. Dank Acid und Odyssee im Weltraum habe ich sie lediglich verinnerlicht.
Meine Interpretation des Films lautet wie folgt: Wir alle befinden uns auf einer scheinbar sinnlosen Odyssee im Weltraum. Die ermüdende Witzlosigkeit allen Seins. Ein Sinn existiert im Videotelefonat mit der geliebten Tochter, in der aufregenden Forschung, in bewegender Musik und in großartigen Bildern. Für manche im Diskutieren existenzieller Fragen. Darin, was uns schlichtweg erfüllt. Was soll ich dazu mehr schreiben.
Selbst ein ach so geheimnisvoller Monolith ändert nichts daran. In meinen Augen symbolisiert er vor allem die transzendenten Fragen, deren Besessenheit zu nichts führt. Oder zu nichts Gutem.
Für Gottsuchende mag Odyssee im Weltraum bedrückend sein, denn es tauchen all diese schweren Fragen auf, die auf dem Gemüt lasten, und keine Antworten. Für mich ist der Film ein großer Spaß. Es ist wie bei Rick and Morty (eine verrückte Zeichentrickserie): Die Darstellung eines sinnlosen Universums ist unterhaltsam, denn eigentlich verweist sie auf das, worum es wirklich geht. Die Entlastung vom existenziellen Wahnsinn fühlt sich gut an. Und so wird das vermeintlich nihilistische Kunstwerk selbst zum Sinn.
Manche Menschen behaupten (ganz im Gegensatz zu mir), sie hätten auf ihrem Acid-Trip Gott erfahren. In der Regel bei einer sehr hohen Dosis. Diese Leute haben sich wohl kaum – wenn ihr Gehirn ganz in Drogensuppe schwimmt – auf die Suche nach einem rationalen Gottesbeweis begeben. Wahrscheinlich hatten sie ein unbeschreibliches Erlebnis und sprechen darüber als „Gottesbegegnung“. In ähnlicher Weise halten manche Menschen all ihre guten Empfindungen für „Gott im Innern“. Vielleicht ist damit schlecht betitelt, worauf ich in diesem Artikel ebenfalls hinauswollte.
