Was wir von Daenerys und Anakin lernen können

Spoilerwarnung für Game of Thrones, Star Wars und Harry Potter!

Alles ist politisch. Selbst die Entscheidung, dass etwas nicht politisch sei. Fiktive Geschichten haben deshalb immer eine politische oder philosophische Botschaft. Egal, ob das von ihren Urheberinnen beabsichtigt wurde oder nicht. Das gilt für Bücher ebenso wie für Filme und Serien. Unterhaltungsmedien sind nie „einfach nur Unterhaltung“. Manche Werke haben ganz offensichtlich politischen Gehalt und sind gerade dafür bekannt geworden. Berühmte Beispiele sind 1984 von George Orwell oder das klassische Star Trek. Aber auch Harry Potter, Dune oder His Dark Materials senden ganz unzweifelhaft politische Botschaften. Diese Geschichten kreisen um Themen wie Faschismus, Feminismus oder Religion.

Obwohl konservative Werke bisweilen weniger als Meinungsmache auffallen, sind sie nicht weniger politisch. Tolkien mag noch so oft betont haben, Der Herr der Ringe hätte keine Botschaft. Trotzdem sind die Erzählungen über Mittelerde ein Lobgesang auf Monarchie, Naturverbundenheit und Heldentum. Sauron, Saruman und die Orks verkörpern Industrialisierung und Fortschritt als das Böse. Tolkiens Ansicht, Der Herr der Ringe hätte ungeachtet seiner konservativen und romantischen Motive keine ideologische Botschaft, ist zutiefst politisch!

Selbst das oberflächlichste Action-Abenteuer und die schlimmste Schnulze sagen nicht nichts aus. Wir dürfen uns stets fragen, ob wir für wünschenswert halten, was sie vermitteln. Zumindest müssen wir uns über ihre politische Dimension bewusstwerden. Ich bin ein großer Herr-der-Ringe-Fan, obwohl ich mit dem Konservatismus der Geschichte nichts anfangen kann. Meine Sicht auf Tolkiens Bücher und Peter Jacksons Filme ist eben differenziert. Einen derart kritischen Umgang mit Unterhaltungsmedien will ich aus vielen Gründen empfehlen. Das universelle (nicht einseitige) Hinterfragen ist die beste Garantie für ein erfülltes, weil durchdacht geführtes, Leben.

George R. R. Martin sagte einmal, er hätte gern etwas über Aragorns Steuerpolitik erfahren. Leider schrieb Tolkien nur, dass Aragorn ein guter König gewesen sei. Doch was macht einen guten König aus? Das Lied von Eis und Feuer ist erwartungsgemäß politischer: Es reibt uns weltanschauliche Konflikte unter die Nase und erweckt damit weniger den Anschein, es hätte keine Botschaft. Ich habe Das Lied von Eis und Feuer selbst nie gelesen, dafür kenne ich mich gut mit der Serie aus. Game of Thrones vermittelt uns ziemlich unverhohlen zwei Lehren. Erstens: Die Welt ist komplex. Es mag Gut und Böse, Richtig und Falsch geben, aber dazwischen liegt ein riesiger Graubereich. Eine absolute Wahrheit gibt es nicht. Selbst der Dreiäugige Rabe muss zu persönlichen Schlüssen kommen. Zweitens, und das hängt eng mit der ersten Lehre zusammen: Normalerweise erkennt sich „das Böse“ nicht selbst.

Daenerys Targaryen war zu Laufzeiten der Serie eine der beliebtesten Figuren. Die Sprengerin der Ketten galt als Verfechterin von Freiheit und Gerechtigkeit. Viele Zuschauerinnen bejubelten Dany als schöne starke Frau und wünschten sich die Mutter der Drachen auf den Eisernen Thron. Neben Jon Snow schien sie die wichtigste Protagonistin der Serie zu sein. „Die Gute“. Entsprechend verstimmt waren die Fans, als ihre geliebte Königin zur Massenmörderin mutierte. Die vermeintliche Heilsbringerin tritt in die Fußstapfen ihres Vaters, des Irren Königs. Sie wird mit Bildern inszeniert, die an Riefenstahls Propagandafilme erinnern. Das Wappen der Targaryens, das so viele Merchandise-Artikel ziert, ist jetzt das Hakenkreuz von Westeros. Die Botschaft der Serie könnte nicht deutlicher sein: Ihr habt eine Tyrannin unterstützt! Falls ihr euch je gefragt habt, wie Hitler an die Macht kommen konnte, wie irgendeine Diktatorin zu Popularität gekommen ist: genau so! Durch ganz normale Leute, die glaubten, das Richtige zu tun. (Warum sonst hätten sie es tun sollen?) Der Wunsch, die Welt zu verbessern, kann selbst ein Pfad zur dunklen Seite sein.

Die letzten Staffeln der Serie haben zweifellos ihre Schwächen. Vielleicht hätte der Moment, in dem Daenerys entscheidet, Königsmund und seine Bewohnerinnen einzuäschern, überzeugender sein müssen. Es ist aber nicht so, als wäre Daenerys‘ Entzauberung völlig überraschend und unglaubwürdig gekommen. Schon Staffeln zuvor, als Martin noch selbst an der Serie mitwirkte, fällte Daenerys Entscheidungen aus Rache und Willkür. Gerecht war für sie im Zweifel das, was ihrem persönlichen Herrschaftsanspruch diente. Filmisch wurde sie früh wie eine böse Tyrannin inszeniert. Was beim ersten (oberflächlichen) Schauen einfach nur episch wirken mag, ist spätestens rückblickend eine Vorausdeutung gewesen. Mit der Ankunft in Westeros schließlich, wo sie nicht mit offenen Armen empfangen wird, greift sie zum letzten Mittel, um endlich zu bekommen, was sie will. Ohne Charakterbruch. Im Gegenteil.

Wenn Daenerys-Fans im Serienfinale die endgültige Enttarnung ihrer Lieblingsfigur als schlechtes Erzählen abtun wollen („Das ist nicht unsere Dany!“), unterscheiden sie sich nicht besonders von Trumpistinnen, die öffentliche Fehltritte ihres verehrten Präsidenten zu einem Manipulationsversuch liberaler Medien umdeuten wollen. Eine erschreckend ähnliche Dynamik, die sich durch Dogmatismus auszeichnet. Nicht nur haben die Anhängerinnen es versäumt, die Warnzeichen früh genug zu erkennen. Sie versäumen es selbst jetzt, ihren Fehler einzuräumen und eine wertvolle Erkenntnis zu gewinnen. Eine Erkenntnis, die weit über den bequemen Konsum eines Unterhaltungsmediums hinausgeht. Game of Thrones hält den Zuschauerinnen einen Spiegel vor: Seid ihr auf Daenerys Targaryen hereingefallen? Wenn ja, überdenkt ganz dringend eure politischen Positionen im echten Leben!

Ich schreibe das nicht zuletzt deshalb so deutlich, weil ich gegen Daenerys sehr früh eine tiefe Abneigung entwickelte. Zu einer Zeit, als mir noch von allen Seiten vorgeschwärmt wurde, wie bewundernswert sie doch wäre.

Natürlich ist es nicht verwerflich, fiktiven Bösewichten etwas abzugewinnen. Der Joker ist eine hervorragende Figur! Dass ich ihm Faszination entgegenbringe, heißt aber nicht, dass ich seine politischen Ansichten teile. Normalerweise geht davon niemand aus. Dasselbe gilt für den Faschisten Voldemort. Alle stimmen überein, dass sie die Bösen sind. Bei Daenerys ist das anders: Sie wurde unironisch geliebt.

Apropos Voldemort: Viele Potterheads identifizieren sich selbst mit dem Hogwarts-Haus Slytherin. Unproblematisch ist auch das nicht. Die selbstgewählte Zugehörigkeit zu einem Haus, in dem rechtes Gedankengut wie nirgendwo sonst verbreitet und akzeptiert ist, macht dich weder „cool“ noch „edgy“.

Auf fiktive und reale Bösewichte fallen nicht nur Zuschauerinnen herein. Tyrion Lannister folgt Daenerys, bevor er ihr wahres Ich erkennt. Ebenso Jon Snow, der sie schließlich töten muss. In Star Wars ist es Anakin Skywalker, der den Verführungen eines Tyrannen auf den Leim geht. Im Glauben, die Galaxis vor einem korrupten System und seine große Liebe vor dem Tod zu retten, wird er zum Handlanger eines totalitären Regimes, das vor Genozid nicht zurückschreckt. Für Anakin ist Imperator Palpatine ein freundlicher Retter. „Palpatine – unsere letzte Hoffnung!“ So gehen liberale Republiken zugrunde, Weimar lässt grüßen. Das Böse denkt nicht, dass es böse ist.

Schon die alte Star-Wars-Trilogie war eine Warnung vor Orwellscher Autokratie. Das 20. Jahrhundert hat, wenig verwunderlich, so manche fiktive Erzählungen von menschenfeindlichen und totalitären Systemen hervorgebracht. Es ist allerdings ein verbreitetes Versäumnis der politischen Bildung, zu wenig Augenmerk auf die Entstehung dieser Schreckensordnungen zu legen. Insbesondere das Naziregime wirkt oft wie ein außerweltliches Böses, das niemals wieder erreicht werden kann. Dabei ist der Ursprung des Terrors viel banaler: Ganz normale Menschen denken, das Richtige zu tun. „Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid“, weiß Yoda.

Es kommt nicht nur darauf an, die Welt verbessern oder etwas beschützen zu wollen. Erst recht nicht reicht es aus, einer vermeintlichen Erlöserin blind zu folgen. Eine Verschlimmerung muss ebenso verhindert werden. In Zeiten von Populismus und Fake News ist diese Lehre außerordentlich wertvoll. Hinterfrage alles – auch deine Seite! So landest du nicht in den Rattenfallen der Antidemokratinnen und machst dich nicht für reale Schrecken mitverantwortlich. Im Namen der besten Ziele können die unvorstellbarsten Grausamkeiten geschehen. Orwell nannte das Neusprech und Doppeldenk.

Fiktive Geschichten haben immer politischen Gehalt. Das zu erkennen ist wichtig. Manchmal sind ihre Botschaften fragwürdig, manchmal großartig. Sehr häufig dienen sie der politischen Bildung ganz grundsätzlich: Sie können nämlich erstmals eine Begeisterung für das Politische im Allgemeinen wecken. So schreibe ich der dritten Star-Wars-Episode eine entscheidende Rolle bei der Entstehung meines frühen Interesses an Geschichte und Politik zu. Immerhin spiegelt der Untergang der Galaktischen Republik den der Römischen, der Ersten Französischen oder der Weimarer Republik wider. Natürlich leistete auch Harry Potter seinen Beitrag zu meinem Politikinteresse. Voldemort infiltriert das Zaubereiministerium und die Medien. Rechtskonservative wie Dolores Umbridge und die Todesser verseuchen alles mit ihrem Rassismus. Das regt zum Nachdenken an: Warum ist das falsch? Auf welcher Seite stehe ich? Und bereits die Frage, in welches Hogwarts-Haus ich wohl passen würde, ähnelt im Groben der Frage, welche politische Ideologie am ehesten die meine ist und welche Partei ich wählen sollte. Gerade weil Unterhaltungsmedien immer Spaß machen wollen, bieten sie einen hervorragenden Einstieg in die angeblich trockene Realität.

Im zweiten Herr-der-Ringe-Film sagt Merry zu den Ents: „Aber ihr seid Teil dieser Welt, oder etwa nicht?“ Tatsächlich gibt es reale Kämpfe zu führen. Du steckst selbst mitten in einem Epos. Dem Wichtigsten von allen.

Für die Erschafferinnen fiktiver Geschichten ergibt sich deshalb eine große Verantwortung. Was sie schreiben und inszenieren, wird immer eine mehr oder weniger deutliche Botschaft aussenden. Gute Geschichten können zur Politisierung und Demokratisierung beitragen, zu Wissensdurst und kritischem Geist. Alles ist politisch.


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